Expecto Patronum.
Das ist der Zauberspruch, den ich in Leipzig am Flughafen gebraucht hätte. Nicht, um gegen dunkle Wesen zu kämpfen, sondern um an Harry Potters Tarnumhang zu kommen. Unsichtbar werden. Einfach weg sein. Nicht gesehen werden. Nicht in diesem Rollstuhl. Nicht so.
Kann man mit ME/CFS überhaupt in den Urlaub fahren? Und wenn ja, wie geht das, ohne im Crash zu landen? Oder anders gefragt: Was passiert, wenn der Crash trotzdem kommt?
Im November 2025 bin ich nach Zypern geflogen. Mit Rollstuhl am Flughafen, Elektrokarre beim Umstieg und der Angst im Gepäck, dass ich es wieder nicht schaffe. Einen Tag nach der Ankunft lag ich vier Tage lang im Bett. Komplett erschöpft. Flachgelegt. Ein Crash, wie ich es gerne nenne. Offiziell heißt das Post-Exertional Malaise (PEM).
Und trotzdem war dieser Urlaub anders als alles davor.
Zum ersten Mal habe ich nicht gegen die Erschöpfung gekämpft. Zum ersten Mal habe ich den Crash nicht als persönliches Versagen gesehen, sondern als das, was er eigentlich ist. Die Notbremse meines Körpers. Eine Schutzreaktion, bei der nicht nur mein Kopf Alarm schreit. Alle Ebenen meines Körpers versuchen im Überlebensmodus mit der Überforderung klarzukommen.
Ohne einen Rollstuhl hätte ich Zypern nie gesehen. Ohne diese Hilfe auf dem Weg in den Urlaub hätte ich nicht den besten Crash meines Lebens mit ME/CFS gehabt. Denn diesmal war etwas anders. Ich spürte zum ersten Mal so etwas wie Ruhe in meinem Körper. Ruhe, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Kein Fräulein Antreiber. Kein „Du hättest besser pacen müssen“. Ich war einfach nur da.
In diesem Artikel erzähle ich dir von meiner Zypern-Reise im November 2025. Von Slowvember-Aufgaben, die ich erfüllt habe. Von neuen Turnschuhen und einem Sandstrand, der keiner war. Und wie es sich anfühlt, den Crash einfach als ein sehr lautes „Stopp“ meines Nervensystems zu sehen.
Und ich erzähle dir, warum ich im Schneckentempo leben darf, auch wenn Fräulein Antreiber etwas anderes sagt. Millimeter für Millimeter. Vom Bett aus. Von der Terrasse aus. Von genau dort, wo ich gerade bin.
Rollstuhl am Flughafen: Hilfe annehmen statt verschwinden
Flughafen Leipzig.
Zwei erwachsene Menschen schieben mich durch die Gänge. Neben uns ein langes Laufband, das sich wie eine kleine Ewigkeit durch die Halle zieht. Endlose Meter bis zur Sicherheitskontrolle. Neben mir rauschen Menschen vorbei, die ihre kleinen Rollkoffer hinter sich herziehen. Stimmengewirr. Neonlicht. All das normale Flughafentreiben.
Alle laufen. Nur ich nicht.
Ich werde geschoben.
Mein Gesicht brennt. Peinlichkeit durchdringt meinen Körper wie eine heiße Welle. Ich wollte unsichtbar sein. Einfach vom Boden verschluckt werden. Wie Harry Potter mit seinem Tarnumhang.
Die Wege zum Gate sind viel zu lang für meinen Körper. Das weiß ich. Ich weiß, dass ich sie nicht allein schaffen würde, nicht mit ME/CFS, nicht mit diesem Energiebudget. Und trotzdem fühlt es sich falsch an, hier zu sitzen und geschoben zu werden, während um mich herum alle stehen, gehen, rennen, ziehen. Es ist mir peinlich.
So hatte ich mir meinen Slowvember nicht vorgestellt.
Umstieg in Wien: Elektrokarre, Blicke und der Moment, der kippt
Wien. Umstieg.
In Wien wartet keine Person mit Rollstuhl, sondern eine mit Elektrokarre. Diese kleinen surrenden Dinger, die wie überdimensionale Golfwagen durch die Gänge über die polierten Fliesen schweben und sich ihren Weg durch Menschenmengen bahnen.
Ich sitze vorne neben dem Fahrer. Mein Mann sitzt hinten. Der gleiche Mann, der vorher kategorisch gesagt hatte, er würde niemals in so ein Ding steigen. Zu beschämend. Jetzt sitzt er da. Still und fährt einfach mit.
Wir fahren los. Die Karre bahnt sich ihren Weg durch die Menschenmengen. Vorbei an Gates und Shops. An Familien, die mitten im Weg stehen bleiben. Rollkoffer werden hastig zur Seite gezogen. Köpfe drehen sich. Blicke folgen uns. Ich nehme sie wahr, diese Blicke. Neugierig, irritiert, mitleidig, uninteressiert. Ein ganzer Querschnitt an Reaktionen in ein paar Sekunden. Und in mir arbeitet noch die Scham aus Leipzig nach. Wie peinlich.
Und dann passiert etwas Seltsames. Mitten in dieser Peinlichkeit schiebt sich ein anderer Gedanke dazwischen. Ein Hauch von: Hey. Ich werde hier gerade chauffiert wie eine Queen. Eine Queen mit Kapuzenjacke, ME/CFS und Rucksack. Aber eben doch chauffiert wie eine Queen.
Der Moment kippt. Nicht komplett. Die Peinlichkeit ist nicht einfach weggezaubert. Expecto Patronum blieb immer noch wirkungslos. Aber sie bekommt ein bisschen Leichtigkeit. Ich genieße vorsichtig den Fahrtwind, den die Elektrokarre bei der Fahrt über den spiegelnden Fußboden erzeugt.
Ohne Rollstuhl wäre ich nicht ans Meer gekommen
Später, im Flieger von Wien nach Zypern, als die Triebwerke brummen und unter mir nur noch Wolkendecke ist, ploppt ein Gedanke hoch.
Ohne den Rollstuhl wäre ich jetzt nicht hier. Ohne Rollstuhl und Elektrokarre hätte ich es nicht geschafft.
Die Wege zum Gate waren viel zu lang. Viel zu lang. Mein Körper hätte es nicht geschafft. Nicht mit eigener Kraft. Nicht mit dieser chronischen Erschöpfung.
Manchmal braucht es einen Rollstuhl, um ans Meer zu kommen.
Mein Slowvember konnte beginnen.
Und dann zog mein Körper die Notbremse.
Der Crash kam trotzdem: ein Dementorenkuss
Einen Tag nach der Ankunft war der Crash da. Vier Tage. Flachgelegt. Komplett.
So fühlt sich ein Crash bei ME/CFS an
Wenn ein Crash kommt, fühlt es sich für mich an wie ein Dementorenkuss. So heißt das in Harry Potter. Dementoren sind dort keine Monster, die dich anspringen. Sie sind etwas viel Gemeineres.
Sie nehmen dir dich selbst weg. Sie löschen dich von innen.
Es wird kalt. Nicht nur auf der Haut wie im eisigen Wind eines Wintertages, sondern tief in den Knochen. Eine Kälte, die von innen kommt und überall hin kriecht. Mit der Kälte kommen die Schmerzen. Überall. Ein tiefer Ganzkörperschmerz, als wärst du in ein zu enges Korsett aus Eis geschnürt. Jede kleinste Bewegung wühlt den Schmerz weiter auf. Selbst Stillliegen ist keine neutrale Position.
Der Körper wird schwer. So, als hätte jemand die Schwerkraft verdoppelt. Die Energie fällt nicht auf „weniger“. Sie fällt auf Null. Wie ein Stecker, der gezogen wird. Was eben noch machbar war, fühlt sich plötzlich gefährlich an. Licht ist nicht nur hell, sondern schneidend.
Geräusche werden zu Schmerz. Ein Tellerklirren fühlt sich an, als würde sich eine Stecknadel in deinen Körper bohren. Ein Gespräch wird zu Druck im Kopf. Ein Schritt im Flur zu einem Schlag gegen das Innenohr. Du willst nicht „Ruhe“. Du brauchst sie wie Luft zum Atmen.
Und das Schlimmste: Alle guten Gedanken verschwinden. Als hätte sie nie wirklich existiert. Du weißt rational: Ich bin in Sicherheit. Aber dein Körper glaubt dir nicht. Hoffnung fühlt sich an wie ein fremdes Wort, das du mal gekannt hast, aber gerade nicht mehr aussprechen kannst. Zurück bleibt nur das Schwerste.
Und genau da liegt das Dementorhafte. Sie „nähren“ sich von menschlichem Glück. Sie ziehen Wärme und Freude aus dir heraus wie ein offenes Fenster im eisigen Winter die Heizungsluft nach draußen saugt. Je näher sie kommen, desto mehr bleibt nur das Übelste übrig.
Sie nehmen dir nicht nur das Glück, sondern im schlimmsten Fall deine Seele. Beim Dementorenkuss stirbst du nicht sichtbar. Dein Körper bleibt, aber das „Du“ darin wird herausgerissen. Zurück bleibt deine Hülle. Lebendig auf dem Papier, leer in der Tiefe. Wie ein Haus, in dem noch Licht brennt, aber niemand mehr wohnt.
Ein Crash nimmt dir nicht nur Freude, sondern auch die Grundannahme, dass das Leben schön sein kann. Er lässt dich in einem kalten, schmerzenden, überlauten Körper zurück, der nur noch eines kann: liegen und aushalten.
So fühlt sich ein Crash für mich an. Wie das endgültige Aus von Wärme, Sinn und Hoffnung im Innen. Langsam. Sorgfältig. Gnadenlos.
Wie sterben. Aber man ist noch da. Man kann nur nichts mehr.
Von „alles mitnehmen“ zu „einfach nur liegen“
Im Urlaub mit ME/CFS also liegen und aushalten?
Als Kind habe ich gelernt, dass man die Gegend erobert, wenn man im Urlaub ist. Man nimmt mit, was geht. Jedes Museum, jede Sehenswürdigkeit, jeder Wanderweg. Schlafen kann man zu Hause. Sonst muss man nicht wegfahren, wenn man „nur rumhängt“.
Und jetzt? Liege ich hier. In Zypern. Im Bett. Und schlafe. Stundenlang. Das Gegenteil von „alles mitnehmen“.
Die Ironie ist nicht zu übersehen.
Hinzu kommt, dass der Crash für mich lange ein Beweisstück war. Der Beweis, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Zu viel, zu lange, zu wenig Pause. Die falschen Pausen. Zur falschen Zeit. Dass ich meine Grenzen nicht gut genug eingeschätzt hatte. Wie ein innerer Richter, der bei jedem Crash das Urteil wiederholt: „Du hast versagt. Schon wieder.“ Du wirst nie wieder normal funktionieren.
Crash-Angst: Wenn der nächste Absturz schon vorher im Kopf beginnt
Mit jedem Crash stieg die Angst vor dem Crash.
Die Angst vor dem nächsten Absturz, vor dem „Schon wieder hinlegen müssen“. Vor dem „Du hast es schon wieder nicht geschafft“. Eine Angst, die manchmal schlimmer war als der Crash selbst.
Ich hatte immer noch keinen Zauberspruch aus Hogwarts. Kein Expecto Patronum, um diese Kälte zu vertreiben. Kein Expelliarmus, um den Kampf gegen die Erschöpfung zu entwaffnen.
Ich hatte nur mich.
Das Bett.
Und das Meer vor dem Fenster.
Der vielleicht beste Crash meines Lebens mit Meerblick
Ich liege im Bett. Vor mir ein großes bodentiefes Fenster. Ich muss nicht einmal den Kopf heben und kann trotzdem das Meer sehen. Den Horizont. Die Wellen. Die vielen Fischerboote im Hafen. Und am Morgen sogar den Sonnenaufgang, der den Himmel rosa färbt und dann in dieses helle Gold kippt, das alles weicher macht.
Das Meeresrauschen legt sich wie eine zweite Decke über mich. Gleichmäßig. Verlässlich. Ein Rhythmus, der nichts von mir verlangt.
Slowvember im Urlaub: Nicht Zypern erobern, sondern ankommen
Ich hatte mich vor der Reise bewusst vorgenommen, Zypern nicht zu erobern. Keine To-Do-Liste mit Sehenswürdigkeiten wie die kleine Tina das früher im Urlaub mit den Eltern gemacht hat. Kein inneres, „wenn ich schon mal da bin, dann…“. Meine inoffizielle Slowvember-Aufgabe für diesen Urlaub war: Ankommen. Meer sehen. In Zypern sein.
Einfach nur im Bett liegen. Und das Meer dabeihaben.

Und jetzt liege ich hier. Von der Aussicht her ist das der vielleicht beste Crash meines Lebens. Mit Meerblick.
Allein dafür hat Zypern sich gelohnt.
Und es gibt noch etwas. Auch innerlich ist dieser Crash anders als die davor.
Weniger Schuld, mehr Ruhe: Der erste zarte Frieden mit ME/CFS
Zum ersten Mal bin ich ruhiger bei einem Crash. Ich hadere in diesem Moment nicht mit dem es-geht-gar-nichts-mehr. Nicht mit mir. Nicht mit meinem Körper. Nicht mit der Welt. Weniger Erwartungen. Innere Ruhe.
Ich hatte das Meer und ein sehr bequemes Bett. Und etwas, das sich anfühlt wie ein erster, zarter Frieden mit der Erschöpfung. Irgendwann merke ich: Ich habe in diesem Urlaub auf Zypern aufgehört ständig nach einem Ausweg zu suchen. Nach dem perfekten Zauberspruch. Ich war einfach da.
Es gab diese Mikromomente in Zypern. Momente, in denen ich im Crash und während der Erschöpfung Ruhe gespürt habe statt Frust und Schuld. Früher wären sie einfach in „war alles furchtbar“ untergegangen. Diesmal habe ich sie bemerkt.
Vielleicht sind das genau die Momente, in denen der Boden unter der Erschöpfung ein kleines bisschen weicher wird. Der Aufprall ist noch derselbe, aber ich lande nicht mehr ganz so hart wie früher beim Kampf gegen die Erschöpfung.
Und immer wieder der Blick aufs Meer. Raum, damit mein System sich sortieren kann.

Urlaub mit ME/CFS im Schneckentempo
Jeden Tag habe ich das Meer gesehen. Ganz oft. Und ich war am Meer. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Und ich habe Dinge geschafft, die auf meiner Slowvember-Liste vom November standen. Nicht als strengen Plan, sondern als Erinnerungen daran, was für mich mit ME/CFS gerade möglich ist.
Bewegung mit ME/CFS: Neustart in neuen Turnschuhen
Die neuen Turnschuhe hatte ich dabei. Mein Symbol für meinen Neustart im Werkstattmodus. Sie standen da wie ein Versprechen. Kein Comeback in den alten Leistungsmodus, sondern ein Neustart im Werkstattmodus. Bewegung in 10 km/h. Shakedown statt Sprint.
In Zypern habe ich sie eingeweiht. Und sie hielten ihr Versprechen.
An manchen Tagen nur ein paar Schritte auf der Terrasse. An anderen eine kleine Runde am Meer entlang. Millimeter für Millimeter im Schneckentempo.
Früher hätte ich das nicht „Bewegungstraining“ genannt. Früher war Laufen erst dann Training, wenn mindestens ein Fitness-Tracker „Leistung“ dazu sagte. Und jetzt? Nur ich, die neuen Schuhe und die Frage: Wie viel geht heute, ohne den Motor von meinem Rennwagen zu überhitzen?



Erwartung versus Realität: Der Sandstrand, der keiner war
Fräulein Antreiber fand das Tempo lächerlich. Aber ich war glücklich.
Auf meiner inneren Slowvember-Liste stand ein sehr klares Bild: Ich will es bis an den Strand schaffen, im Sand liegen und in den Himmel schauen.
Am Strand war ich also. In meinem Kopf war der Sand am Strand warm, hell, weich. So, wie man es aus Katalogen kennt. Die Realität? Zypern begrüßte mich mit einem Steinstrand. Große Steine, kleine Steine. Alle rund. Aber definitiv kein Sand.
Ich hätte es wissen können, wenn ich vorher die Strände gegoogelt hätte. Habe ich aber nicht. Slowvember hieß für mich auch: weniger kontrollieren, weniger vorplanen, absichtsloser unterwegs sein. Weniger „optimieren“, mehr schauen, was sich ergibt. Mich überraschen lassen.
Also lag ich auf Steinen und nicht im Sand. Es war… interessant. Zwischen unbequem und wunderschön. Über mir Himmel, vor mir Meer, unter mir nicht das, was ich erwartet hatte und trotzdem ein genialer Moment.
Ich bin wirklich hier. Am Meer. In Zypern.
So ist das mit diesem Plan C. Sand war der Traum, Steine sind die Realität und irgendwo dazwischen liegt meine neue Fähigkeit, trotzdem „ja“ zu sagen.



Pause als Programm bei ME/CFS
Ja, ich wollte im Urlaub auch zur aktiven Erholung „Ja“ sagen. Eine meiner wichtigsten Slowvember-Aufgaben. Aktive Erholung nach jeder Belastung. Klingt harmlos. Ist für mein Nervensystem überlebenswichtig. Und für Fräulein Antreiber ein Horror.
In ihrem Weltbild ist aktive Erholung einfach nur Nichtstun. Zeitverschwendung. Eine verpasste Chance, produktiv zu sein und etwas Sinnvolles zu tun. „Wenn du schon sitzt, kannst du doch wenigstens…“ Du kennst diese Sätze vielleicht.
In Zypern fiel mir aktive Erholung nach meinen kleinen Bewegungseinheiten und anderen kognitiven Belastungen leicht. Ich saß auf der Terrasse. Ich lag im Bett. Ich schaute aufs Meer. Ich beobachtete die kleinen Fischerboote. Ich tat offiziell „nichts“ und gab meinem Körper und dem Nervensystem die Chance, die Bewegung zu verarbeiten.
Und zum ersten Mal fühlte sich dieses „Nichts“ nicht sinnlos an. Es ist Teil des Plans. Teil meines Slowvembers. Teil der Aufgabe: Recovery als Hauptjob.
Zu Hause dagegen fühlt sich die aktive Erholung schnell wieder an wie Schwäche. In Zypern spürte ich den Unterschied.
Ich merkte, wie anders sich mein Körper anfühlte, wenn ich eine Pause als Verrat erlebte und mich widerwillig erholte oder ich bewusst in die aktive Erholung ging und sie als Fürsorge sah. Die Minuten sind dieselben. Die Wirkung nicht. Der Körper spürt das. Mein Nervensystem auch.
Pacing mal anders im Urlaub: Ohne Pulsuhr und Google und mehr Körpergefühl
In Zypern begann ich meinen Körper beim Bewegungstraining zu spüren. Ich startete ohne Pulsuhr.
Ich vertraute meinem Körpergefühl, nicht den Zahlen. Ich spürte, wie mein Körper auf die Bewegung reagierte. Wenn ich müde wurde, war das ein Stopp-Signal, keine Einladung, härter durchzuziehen.
Es war ungewohnt. Ein bisschen wie freihändig Fahrrad fahren nach Jahren mit Stützrädern. Und es funktionierte. Nicht spektakulär. Ab und zu war es zu viel und ich lag länger erschöpft im Bett.
Wenn mein Körper keine Kraft für eine Runde am Meer hatte, spielte ich Kendama auf der Terrasse. Im Sitzen. Im Stehen. So wie es gerade ging. Es sah von außen banal aus, aber innen verschob sich etwas. Ich war in Kontakt mit mir, nicht mit einer App.
Und ich habe in diesen Wochen etwas anderes nicht getan. Ich habe nicht gegoogelt. Keine neuen Therapien gesucht. Keine Studien. Keine Genesungsideen. Keine neue Wundermethode. In den letzten Jahren habe ich unzählige Stunden damit verbracht, nach der einen Lösung zu suchen, die alles heilt. In Zypern habe ich damit aufgehört.
Ich übte nicht nur Bewegung. Vor allem übte ich, mit meinem Körper im Gespräch zu bleiben. Ich übte, mir zu glauben. Und ich übte weniger zu kämpfen.
Weniger Kampf gegen ME/CFS ist meine größte Baustelle
Lass den Kampf los. Akzeptiere die chronische Erschöpfung. Akzeptiere den Crash. Beobachte. Erkenne. Akzeptiere. Erlaube.
Fließe mit deinem erschöpften Körper. Ich lerne gerade, dass meine Genesung und mein Dasein keine Projekte sind, die Ergebnisse liefern müssen. In der Theorie kann ich darüber sehr gut referieren.
Aber ich weiß nicht, wie man das macht!
In der Praxis bin ich ein kognitiver Mensch. Ich denke in Zahlen, Daten, Fakten. Ich will verstehen, bevor ich fühle. Ich will kontrollieren, bevor ich fühlen kann. Ich will eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Ein Rezept.
Ergebnisdruck bei ME/CFS: Wenn Dasein zum Leistungssport wird
Ich liege also im Bett, sehe das Meer und nehme mir vor: Einfach nur da sein. Nichts wollen.
Für einen Moment klappt es.
Dann erwische ich mich. Innerlich warte ich darauf, dass endlich etwas Großes passiert. Dass ich endlich etwas spüre, das ich als Fortschritt verbuchen kann.
Mein Kopf startet wieder das Reporting:
- Spüre ich jetzt was?
- Merke ich einen Unterschied?
- Ist das jetzt der Moment, wo sich irgendwas löst?
- Bin ich näher an Heilung?
Mein System schaltet auf „Ergebnis liefern“, obwohl ich mir vorgenommen hatte, absichtslos zu sein. Ich beobachte das. Nicht, um es wegzumachen. Einfach nur: Da ist er wieder. Mein Ergebnisdruck.
Mikromomente statt Heilungsdruck: Was Zypern mir gezeigt hat
Vor Zypern hatte ich Mr. X (meinen Therapeuten) gefragt, wie ich lernen kann, diesen Ergebnisdruck loszulassen. Wie ich aufhören kann, aus jeder Übung heimlich eine Prüfung zu machen.
Seine Antwort war wenig spektakulär.
Dasein hat kein Ziel. Es gibt nichts loszulassen. Es gibt nur: es da sein zu lassen. Auch den Leistungsdruck. Auch den Wunsch nach Ergebnis. Auch das ständige „Ich will aber spüren“.
In Zypern verstand ich zum ersten Mal, was Mr. X meinte. Zwischen all diesen Gedanken gibt es kurze Augenblicke. Sekunden, in denen ich das Meer sehe und einfach nur da bin. Ohne Kommentare meines Verstandes. Mikromomente.
Es ist kein schöner, sauberer Prozess. Es ist ein Hin-und-her-Schaukeln zwischen alter Gewohnheit und neuer Möglichkeit. Vielleicht sind diese Mikromomente der Anfang von absichtslosem Sein. Nicht in einer perfekten, meditativen Haltung. Sondern mitten in der Erschöpfung. Mit Meerblick. Eine Version, die für mich in Zypern realistisch war.
Und vielleicht ist das schon ein wenig Heilung. Dass ich mit meinem Körper weniger im Krieg bin, wenn die Erschöpfung kommt. Wenn der Crash kommt.
Heimreise, rote Karte und der Slow-Knopf
Und die Erschöpfung kam. Die Heimreise war alles, nur nicht slow.
Bis Frankfurt funktionierte mein fragiles Reise-System noch halbwegs. Ab Frankfurt konnte ich vor Erschöpfung nicht mehr sitzen. Der Rest der Strecke war eine Mischung aus Überlebenswillen und Pragmatismus: wie komme ich hier irgendwie durch, ohne komplett zu zerfallen?
Rote Karte vom Körper: Wenn der Crash auf der Heimreise kommt
Ich habe die Heimreise weitgehend mit dem Kopf auf den Oberschenkeln meines Mannes verbracht. Er hat mir buchstäblich Halt gegeben, während mein eigener Körper nicht mehr sitzen konnte. Das Spiel „Heimreise“ habe ich bis zur letzten Minute durchgezogen. Spielende war kurz nach Mitternacht. Rote Karte vom Körper.
Der Crash war wieder da. Bett. Totale Erschöpfung. Dieses vertraute „Alles ist zu viel“.
Und trotzdem ist etwas anders als in früheren Runden. Ich mag ihn immer noch nicht, den Crash. Aber ich sehe ihn inzwischen anders. Jeder Crash ist auch ein Übungsfeld für mich. Nicht, um mehr zu schaffen, sondern um mein Nervensystem ein kleines bisschen mehr Sicherheit für die Zukunft anzubieten.
Für diese Zukunft lautet mein Motto 2026: Einfach SLOW. Weniger Strecke, mehr Tina sein.
Slow-Knopf als Strategie: Pacing-Reminder statt Perfektion
Als Symbol dafür habe ich mir einen Slow-Knopf gemalt. Ein kleiner handgemalter Knopf, den ich auf einer Sketchnote sehen kann. Kein magischer Schalter, der alles gut macht, aber eine Erinnerung: Ich darf runterfahren. Ich muss nicht funktionieren.
Genesung ist mein Schwerpunkt für 2026. Nicht als Ziel mit Deadline, nicht als Projekt mit Meilensteinen. Eher wie ein leiser Filter. Was tut meinem Nervensystem gut? Jetzt, in diesem Moment?

Ich drücke diesen Slow-Knopf nicht einmal, sondern immer wieder. Mal bewusst, mal im Nachhinein, wenn ich merke: „Okay, das war jetzt drüber.“
Und wenn ich mal drüber war, übe ich weiter das Dasein. Statt meinen Frust sofort wegzudrücken oder zu analysieren, übe ich, mich innerlich neben ihn zu setzen. Ihn zu fühlen. So, als würde ich mich für einen Moment an einen viel zu schweren Rucksack anlehnen, statt den Frust wieder als Beweis zu nehmen, dass ich alles falsch mache. Nicht gegen ihn ankämpfen, sondern für ein paar Atemzüge mit ihm da sein.
Fräulein Antreiber fährt mit, nur nicht mehr am Steuer
Fräulein Antreiber ist trotzdem präsent. Sie kommentiert, sie drängelt, sie flüstert mir Sätze zu wie: „So wirst du nie wieder normal leben können.“
Es gibt einen Unterschied seit dem Slowvember. Sie sitzt nicht mehr allein am Steuer. Ich übe sie auf den Beifahrersitz zu setzen. Neben Berta, meiner Porzellanschnecke.
Was ich gelernt habe und was du vielleicht auch lernen darfst
Vielleicht kennst du das: Du willst weniger kämpfen, findest aber keinen Knopf, mit dem der Kampf einfach aufhört. Du willst akzeptieren, was ist und merkst, wie dein Kopf trotzdem im Bewertungsmodus bleibt.
Ich habe in Zypern gelernt, dass der Crash keine Strafe ist. Er ist kein Urteil über mein Tun, keine Abrechnung meiner Tagesleistung. Er ist die Notbremse meines Nervensystems.
Ein deutliches, manchmal brutal klares: Bis hierhin und nicht weiter. Ich versuche, dich zu schützen.
Und:
- Manchmal braucht es einen Rollstuhl, um ans Meer zu kommen.
- Manchmal eine Elektrokarre, die sich ihren Weg durch Menschenmengen bahnt.
- Manchmal einen Steinstrand statt Sand.
- Manchmal einen Crash mit Meerblick, um zu merken: Ich darf aufhören, den Crash als Feind zu sehen.
Du musst nicht alles erobern.
Du musst nicht jedes Angebot mitnehmen.
Du musst nicht beweisen, dass du trotz Krankheit maximal funktionieren kannst.
Du darfst vom Bett aus leben. Vom Sofa aus. Vom Rollstuhl aus. Von genau dort, wo du gerade bist.
Millimeter für Millimeter.
Im Schneckentempo.
Wie Berta.
Vielleicht ist das für heute schon genug.
In meinem Blogartikel zu meinem Motto 2026 habe ich geschrieben:

„Ich muss nicht wissen, was heute alles kommt. Ich darf fühlen, was gerade da ist. Eine Schnecke fragt nicht nach dem Ziel. Sie spürt den Boden.“
Und wenn du magst, kannst du dir eine Frage stellen:
Wo in meinem Leben braucht es vielleicht auch einen „Rollstuhl ans Meer“, eine Erlaubnis, mir helfen zu lassen, damit ich überhaupt dort ankomme, wo ich innerlich schon so lange hinwill?
Ich übe noch.
Du vielleicht auch.
Wir müssen nicht angekommen sein, um den Weg zu gehen.
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