– Vom Überleben ins Leben im Schneckentempo –
Zum Jahreswechsel scheinen alle genau zu wissen, wohin sie 2026 wollen. Ideen, Ziele, Pläne und ganz viele Visionboards. Und vielleicht sitzt du da, scrollst durch diese Ziel-Parade und merkst: Mein Leben funktioniert so nicht mehr.
Ich lebe mit ME/CFS und Long Covid. Mein Alltag ist momentan geprägt von Erschöpfung, Schmerzen, 20 Stunden Schlaf- und Liegezeit und Mini-Schritten.
Dazu gehören auch stolze 36 Minuten Spaziergang und ein sehr lauter innerer Antreiber, der nach drei Jahren chronischer Erschöpfung immer noch fragt: Wo bitte bleiben die SMART-Ziele für 2026? Und warum geht das hier nicht alles ein wenig schneller?
Und ich? Ich bin die, die die Akzeptanz der Erkrankung noch immer übt.
An dieser Stelle beginnt mein Motto für 2026: Einfach Slow. Weniger Strecke, mehr Tina sein. Mehr ich selbst sein, statt ein perfekt funktionierendes System.
In diesem Blogartikel bekommst du keine „10 Tipps für dein bestes Jahr“, sondern eine ehrliche Innenansicht. Wie fühlen sich Ziele zum Jahreswechsel an, wenn ein Hochleistungs-Betriebssystem auf einen Körper trifft, für den Pläne und Vollgas keine Option mehr sind?
Du erfährst, warum eine Schnecke in einem Lavendelbeet zu meinem Leitbild geworden ist. Warum „Slow“ für mich kein Lifestyle-Motto ist. Und wie ich meine alte Logik von Leistung und Tempo Stück für Stück in etwas Übersetzbares für ME/CFS verwandle.
Vielleicht kennst du das auch. Du willst loslaufen, aber dein Körper will nur eins: ruhen. Und irgendwo zwischen Ziel und Stillstand suchst du nach einem neuen Weg. Willkommen bei „Einfach Slow“.
Wie Schnecken in mein Leben mit ME/CFS krochen

Es war an einem Nachmittag im August 2025. Ich habe geschlafen, war trotzdem noch erschöpft und wollte etwas frische Luft atmen. Also saß ich im Übergang von der Terrasse zum Garten vor einem großen Lavendelbeet im Korbstuhl.
Die Luft war warm, aber nicht drückend. Dieser typische Lavendelduft hing schwer und gleichzeitig angenehm über den Pflanzen. So ein Geruch, der irgendwo zwischen Urlaub und Spätsommer liegt.
Vor mir brummten unzählige Hummeln in Dauerschleife. Mal ganz nah, mal weit weg. Ein dezentes Hummelrauschen.
Und ich sah überall kleine Schnecken, die in Scharen am Lavendel hingen. Ihre Mini-Häuschen glänzten im Sonnenlicht, manche mit feinen Rissen, manche mit kräftiger Maserung, manche eher schlicht.
Es war alles sehr unspektakulär. Der Lavendel wiegte sich im Wind. Die Hummeln flogen ihre Muster. Und diese Kolonne an Schnecken wirkte, als hätten sie alle Zeit der Welt. Sie bewegten sich in Zeitlupe oder gar nicht. Keine Dramatik, kein Spektakel, keine sichtbare Leistung. Einfach langsam, still und unbeirrt.
Ich saß da und schaute zu. Keine Musik im Ohr, kein Podcast und kein „ich sollte die Zeit sinnvoll nutzen“. Nur ich, der Duft von Lavendel und das Brummen der Hummeln. Und diese Schnecken.
Und plötzlich war da dieser Gedanke:
Die Schnecke ist einfach eine Schnecke.
Sie plant nicht. Sie fragt nicht, ob sie genug Gas gibt. Sie fragt nicht, was sie an sich optimieren müsste. Sie vergleicht sich nicht mit der Nachbarschnecke. Sie spürt einfach ihren Boden.
Und nach diesem Gedanken schoss mir die Frage durch den Kopf:
Bin ich auch so eine Schnecke?
Sind die vielen Schnecken ein kleines Zeichen für mich? Was, wenn ich mit ME/CFS auch eine Schnecke bin? Schneckentempo als Kunstform. Still, weich, nichts erzwingen und einfach da sein, wo man gerade ist. Die Schnecke ist immer genau da, wo sie gerade ist. Ganz ohne Drama. Wenig Strecke, viel Gegenwart.
Kennst du das? Diesen Moment, in dem die Natur dir plötzlich eine Antwort zeigt, die du gar nicht gesucht hast?
Langsam, still und unbeirrt als Rezept für mich
Ich wusste damals noch nicht, dass aus diesen Gedanken mein Motto für 2026 werden würde. Ich wusste nur, dass diese Schnecken etwas leben, das ich irgendwo auf dem Weg zwischen Zielvereinbarungen, To-do-Listen und Funktionsmodus verlernt habe.
Die Schnecke ist seitdem bei mir im Kopf geblieben. Ich habe dieses Schneckenbild nicht einfach im Lavendel liegen lassen. Nach meinem Crash im Herbst 2025 tauchten sie wieder auf und krochen durch meinen Herbst. Es gab meinen „Slowvember“. Volle Konzentration auf die Regenerations-Basics und weniger Rennen im Kopf. Keine neuen Therapien suchen. Und es lief. Sechsunddreißig Minuten Bewegung draußen, fast jeden Tag. Und dann?
Dann kam der Jahreswechsel. Und die Ruhe in mir war schneller weg, als eine Hummel wegfliegen kann.
Der Jahreswechsel mit chronischer Erschöpfung: Wenn Ziele zum Druck werden
Der Jahreswechsel ist dieser gesellschaftliche Massen-Trigger. Überall werden Visionboards gezückt und Ziele für das kommende Jahr gefeiert. Überall laufen die Planungsmaschinen für Ziele, Ideen und Vorhaben auf Hochtouren.
Und ich? Ich liege hier mit meiner Realität. Ein Leben mit ME/CFS und chronischer Erschöpfung nach Tagesform.
Von außen sieht es aus wie eine lange Pause. Von innen ist es ein Dauerkampf gegen mein eigenes Betriebssystem.
Das alte Betriebssystem bootet wieder
Mit dem Jahreswechsel bootete mein altes Betriebssystem wieder. Ich spürte diesen alten, vertrauten Drang nach Zielen, Plänen und Tempo.
Mein Kopf sagte immer wieder dieselben Sätze:
- Jeder hat Ziele.
- Tina, du brauchst Ziele für 2026!
- Du hattest immer Ziele. Ohne Ziele bist du orientierungslos.
- Du warst doch gut darin. Was ist aus dir nur geworden?
Und du? Kennst du diese Sätze auch oder klingen deine anders?
Der Kopf will Tempo, der Körper braucht Slow
Mein Kopf wollte wieder Vollgas. Mein Körper dagegen fährt nach anderen Regeln. Er fährt nicht mehr nach diesem alten Betriebssystem. Er fährt nach Tagesform. Er kann nicht mal sagen, was morgen ist, geschweige denn, was im 3. Quartal 2026 „dran“ sein soll.
Mein Körper fährt nach Crash, Pacing und Erholung. Nach einer Logik, die sich nicht mehr mit Planung, Leistung und Kontrolle in Excel-Tabellen pressen lässt. Und obwohl mein Körper seine Grenzen sehr deutlich macht, denkt mein Kopf trotzdem weiter in SMART-Logiken und sucht nach Zielen.
Und genau da kriecht die Schnecke aus dem Lavendel ganz langsam auf die Rennbahn meines Lebens. Sie schreibt mit glänzend schleimiger Schneckenschrift mein Motto für 2026:
Einfach Slow. Weniger Strecke, mehr Tina sein.
Warum „Slow“ kein Wellness-Motto ist
Aber bevor du jetzt denkst, das sei ein entspanntes Lifestyle-Wellness-Motto, nein, es ist das Schwerste, was ich je versucht habe.
Keine Ziele für 2026.
Von außen klingt das vielleicht nach Entspannung, nach Freiheit, nach „kein Druck“. Innen fühlt es sich eher wie eine existenzielle Lücke an. Wenn ich keine Ziele habe, was soll dann aus mir werden?
Mein Leben im SMART-Zielmodus und warum ME/CFS das System sprengt
Um zu verstehen, warum „Einfach Slow“ für mich keine romantische Idee ist, sondern ein täglicher Kampf, musst du wissen, in welchem Modus ich lange unterwegs war. Mein Leben vor der chronischen Erschöpfung mit ME/CFS und Long Covid war wie ein Formel-1-Rennzirkus.
Als mein Körper ein Rennwagen im Formel-1-Modus war
Mein Körper war mein Rennwagen in diesem Formel-1-Rennzirkus. Jede Saison war durchgeplant. Jede Runde optimiert. Jede Woche Vollgas, enge Kurven und Boxenstopps nur, damit ich schneller wieder auf der Rennstrecke bin.
SMART-Ziele waren meine Überlebensversicherung für meine inneren Antreiber. Ich nenne sie liebevoll „Fräulein Antreiber“. Wobei sie mit dem, was man klassisch unter einem „Fräulein“ versteht, ungefähr so viel gemein hat wie ein Formel-1-Rennwagen mit einem Tretroller.
Darf ich vorstellen: Fräulein Antreiber, meine dominante Rennleitung
Fräulein Antreiber ist meine dominante Rennleitung. Stoppuhr in der Hand, scharfer Blick auf die Rundenzeiten und wenn ich nicht schnell genug bin, klopft sie ungeduldig mit den Fingern auf ihr Tablet. Sie weiß genau, was sie will: mehr Tempo, mehr Leistung, mehr Häkchen an To Do’s.
SMART-Ziele waren mein tägliches Werkzeug: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert. Für Projekte und Aufgaben und vor allem auch für mich selbst. Ich war richtig gut in diesem Spiel.
Ich konnte Ziele zerlegen, wie die Mechaniker in der Werkstatt den Motor vom Rennwagen. Zwischenetappen planen, Kennzahlen definieren, Leistung prüfen. Und immer wieder nachjustieren und optimieren, damit der Erledigungshaken den Weg hinter das Ziel findet.
Wie ist das bei dir? Bist du auch richtig gut in dem Spiel Ziele setzen, abhaken und weiter?
Warum Ziele für mich Sicherheit waren
Mein inneres System wurde auf Ziele programmiert:
- Ich bin gut, wenn ich meine Ziele erreiche und gern noch mit Bonuszielen obendrauf.
- Ich bin sicher, wenn ich funktioniere und alle Erwartungen zuverlässig erfülle.
- Ich bin wertvoll, wenn ich etwas leiste, das man schwarz auf weiß abhaken kann.
Ziele waren für mich Sicherheit. Dieses System hat sehr lange funktioniert. Es hat mir Struktur gegeben, Sinn, Anerkennung und das Gefühl, jedes Jahr bei der Formel-1-Saison mitzufahren zu dürfen. Dazuzugehören.
Aber es hat mich auch von mir selbst weggebracht. Dieses System kennt nur eine Währung: Leistung.
Aber was passiert, wenn der Rennwagen nun mal in der Werkstatt steht?
Wer bin ich ohne Leistung? Die existenzielle Frage in der Werkstatt
Als mein Körper durch Long Covid und ME/CFS stillstand, brach das ganze System zusammen wie ein Kartenhaus durch einen leichten Windzug.
Seitdem stehe ich vor der existenziellen Frage: Wer bin ich noch, wenn mein Rennwagen immer wieder in der Werkstatt steht und auf der Rennbahn nur noch 10 km/h als Höchstgeschwindigkeit schafft?
Und genau dieses alte System, der Vollgas-Formel-1-Rennzirkus in meinem Kopf, hat sich zum Jahreswechsel ganz laut gemeldet.
Fräulein Antreiber schaute auf meine leere Zielliste für 2026 und flüsterte panisch: „Ohne Ziele bist du nichts!“
Ihr war egal, ob mein Körper wirklich Ziele braucht oder sich eher fragt, ob es überhaupt möglich ist zu duschen oder zwei Minuten länger zu laufen. Fräulein Antreiber sichert eher mein Überleben, aber nicht unbedingt mein Leben. Sie hat vergessen, was ich wirklich möchte.
Fräulein Antreiber ist auch mit ME/CFS mit an Bord
Fräulein Antreiber schiebt seit Jahrzehnten Überstunden. Sie liebt es einfach, wenn es eine Ideallinie auf der Rennstrecke gibt und am Ende eine Rundenzeit, an der sie sich messen kann.
Sie ist brillant und gnadenlos.
Und sie lässt sich von kleinen Schnecken im Lavendel nicht so leicht beeindrucken.
„Dann bitte perfekt Slow, ja?“ – Wie Fräulein Antreiber alles kontrollieren will
Bei meinem „großen“ Crash im Herbst letzten Jahres kam mir der Gedanke „Einfach Slow“ bereits wieder hoch. In meinem Slowvember hatte ich dann das Gefühl, dass das vielleicht ein Weg sein könnte. Vielleicht ist „Slow“ mein neues Betriebssystem.
Aber so wie es den Wind im Lavendelbeet gab, hatte auch mein Slowvember ein Hintergrundgeräusch, das ich gut kenne.
Es war die Stimme von Fräulein Antreiber:
„Slow? Okay, verstanden. Dann bitte perfekt Slow, ja! Ich brauche Kennzahlen. Wie viele Schneckenmomente genau pro Woche? Wie erkennst du Fortschritte?“
So klingt Fräulein Antreiber. Und so klingt sie seit drei Jahren, egal wie oft ich ihr sage, dass mein Körper nun anders tickt.
Plötzlich wurde „Einfach Slow“ die letzten Wochen des Jahres 2025 zu einem neuen Projekt im Rennstall „Tina“ mit
- Kennzahlen,
- Maßnahmen,
- Etappen und
- Meilensteinen
für dieses Slow.
Der ständige Optimierungs-Scan: Wenn Wissen nicht reicht
Egal, was ich tue, mein System ordnet es ein. Richtig oder falsch. Besser oder schlechter. Der Optimierungs-Scan läuft ständig.
Ich kenne die Theorie zu ME/CFS. Ich weiß, wie Pacing funktioniert, was Nervensystemregulation bedeutet und wie wichtig Baseline und Langsamkeit bei ME/CFS sind. Aber sobald es an die Umsetzung geht, sitzt Fräulein Antreiber wieder vorne im Cockpit. Dann gehe ich trotz Erschöpfung in den Keller und stelle die Waschmaschine an.
Dann merke ich sehr deutlich meine Wut und denke: Ich betrüge mich doch selbst mit meinem Theoriegefasel.
Auf dem Papier bin ich längst eine Schnecke. In mir drin fahre ich noch viel zu oft im Formel-1-Modus. Manchmal hasse ich dieses Schneckentempo sogar.
Wissen und Leben klaffen auseinander.
Wenn mit ME/CFS neue Ziele entstehen müssen
Irgendwann nach dem Jahreswechsel lag ich dann da. Müde und überdreht von den vielen Botschaften von Fräulein Antreiber. Und ich dachte: Wenn mein System nun mal SMART-Ziele braucht, um sich sicher zu fühlen, dann habe ich zwei Möglichkeiten. Entweder ich kämpfe weiter dagegen an. Oder ich übersetze SMART in meine jetzige Realität.
In diesem Moment waren sie wieder da. Die Schnecken aus dem Lavendel in Wandlitz. Damals haben sie mir gezeigt, wie es aussieht, wenn ein Wesen einfach nur dort ist, wo es ist.
Also beschloss ich, dass Fräulein Antreiber SMART Ziele haben darf. Nur eben eine eigene Version. Eine Werkstatt-Edition für ME/CFS für mein Motto 2026: Einfach Slow. Weniger Strecke, mehr Tina sein.
ME/CFS-SMART: Meine Werkstatt-Edition für meinen Alltag mit ME/CFS
Statt meine geliebten SMART-Ziele einfach zu ignorieren, weil ich krank bin, habe ich das SMART auseinandergeschraubt wie einen Motor in der Werkstatt und neu zusammengesteckt.
Herausgekommen ist mein persönliches ME/CFS-SMART:
S wie Spürbar – statt spezifisch
Nicht: Ich gehe jeden Tag 36 Minuten.
Sondern: Ich spüre, was heute geht und was nicht. Der Fokus ist nicht mehr Meter und Minuten. Der Fokus ist Körpergefühl.
M wie Mitgefühl – statt messbar
Nicht: Ich tracke Fortschritte und optimiere sie.
Sondern: Ich nehme wahr, was möglich war und feiere das, ohne das Ziel sofort hochzuschrauben.
A wie Akzeptanz – statt attraktiv
Nicht: Höher, schneller, weiter.
Sondern: Ich akzeptiere mein Tempo auch dann, wenn Fräulein Antreiber mit den Augen rollt und es zu langsam findet.
R wie Regeneration – statt realistisch
Nicht: Ist dieses Ziel erreichbar?
Sondern: Bleibt genug Raum für Regeneration? Oder plane ich wieder so auf Überlastung, dass ich morgen mit einem Crash den Preis dafür zahle?
T wie Treue – statt terminiert
Nicht: Bis wann muss ich das erreicht haben?
Sondern: Bleibe ich mir und meinem Körper treu, auch wenn mein Kopf überholen will und ständig den Fortschrittsbalken scannt.
Espresso für Fräulein Antreiber
Während ich das hier schreibe, merke ich, wie Fräulein Antreiber innerlich die Stoppuhr zückt und überprüft, ob mein „ME/CFS SMART“ auch effizient genug ist.
Ein Teil von mir möchte sofort beweisen, wie gut ich diese Schneckenlogik verstanden habe. Und genau da übe ich, nicht zu optimieren. Den Widerspruch einfach stehen zu lassen.
Und für diesen letzten Absatz gibt es deswegen nun eine kleine liebevolle Fußnote:
Fräulein Antreiber, bitte diesmal nicht kommentieren.
Du darfst einfach in der Küche einen Espresso trinken. Berta und ich fahren jetzt eine langsame Trainingsrunde. Wir kommen später dazu.
Jetzt fragst du dich bestimmt, wer Berta ist?
Berta: Meine Porzellan-Schnecke als Symbol für mein Leben mit chronischer Erschöpfung
Im November 2025 (der Slowvember lässt grüßen) bin ich noch einmal über eine Schnecke gestolpert.
Diesmal nicht im Lavendel, sondern im Online-Shop. Ich habe Abschiedsgeschenke für meine Mitarbeiter bestellt und zwischen all den Dekoartikeln war sie da. Eine kleine Porzellanschnecke mit dem Namen „Berta“.
Ich konnte nicht an ihr vorbeiklicken. Also habe ich sie mitbestellt.

Porzellan ist zerbrechlich und stabil, wie ich
Seitdem sitzt Berta bei mir zu Hause genau da, wo mein Blick automatisch landet, wenn Fräulein Antreiber wieder laut wird und mit ihren Fingern auf das Tablet tippt. Wenn sie mir erklärt, dass ich schneller sein, mehr schaffen, besser funktionieren muss.
Porzellan ist zerbrechlich und erstaunlich stabil.
Wie ich gerade:
Zerbrechlich, weil mein Körper an manchen Tagen crasht, wenn ich nur eine Kleinigkeit zu viel mache. Und gleichzeitig stabil, weil ich trotz allem nicht zerbrochen bin. Ich gebe nicht auf und halte jeden Tag durch.
Und nun auch langsam. Das kommt von der Schnecke. Sie lebt es und zeigt mir, dass ich nicht schnell sein muss, um da sein zu dürfen.
Wenn mein Kopf anfängt zu rasen, schaue ich zu Berta. Dann erinnert sie mich still:
- Du musst nicht schneller sein.
- Du darfst langsam sein.
- Du darfst zerbrechlich sein.
- Und trotzdem weitermachen.
Berta ist mein Maskottchen für 2026 geworden.
Mein Schneckenjahr.
Meine Erinnerung an das Lavendelbeet. An die Schnecke, die einfach eine Schnecke ist. Und an mich, dass ich auch sein darf, wie ich bin. 🐌
Leben in der WG mit Fräulein Antreiber
Und Fräulein Antreiber? Sie wohnt mit mir zusammen. Sie darf sein, wie sie ist.
Und ja, ich bin oft wütend auf sie.
Diese elegant verkleidete Stimme von Fräulein Antreiber die flüstert: „Du hast doch all diese Tools, Tina. Warum kriegst du es nicht besser hin? Tina, du weißt das alles doch! Pacing, Nervensystemregulation, Baseline und trotzdem fällst du wieder in alte Muster. Du könntest schon viel weiter sein?“
Alles darf sein …
Na klar könnte ich schon viel weiter sein. Und an dieser Stelle merke ich, wie wichtig für mich der Satz „Alles darf sein!“ geworden ist.
Ich darf diejenige sein, die es theoretisch verstanden hat und es praktisch trotzdem nicht immer hinbekommt. Ich darf die sein, die zwischen Vollgas und Schnecke hin- und herpendelt. Ich darf die sein, die in dem einen Moment noch in Formel-1-Manier plant und im anderen Moment merkt, dass ihr Körper schon bei zwei kleinen Aufgaben die Reißleine zieht.
Dass der Weg in den Keller zur Waschmaschine zu viel war.
Alles darf sein. Das bedeutet für mich nicht, dass ich Fräulein Antreiber feiern oder mein Funktionieren romantisieren soll. Es bedeutet, dass ich aufhöre, Fräulein Antreiber als Gegnerin zu sehen, die ich mit Gewalt loswerden möchte.
Fräulein Antreiber ist kein Fehler im System.
Sie wohnt mit mir zusammen in meiner Tina-WG und gehört zur Rennleitung. Sie ist ein gut trainierter Teil von mir, der mich jahrzehntelang durchs Leben getragen hat. Oft auf Kosten meines Körpers, ja. Aber immer mit der Absicht, mich zu schützen.
Fräulein Antreiber bekommt ein neues Backup
Fräulein Antreiber bleibt also. Aber sie bekommt 2026 ein Backup, das nicht mehr so stark nach den alten Leistungskriterien funktioniert.
Meine aktuellen Werte sind Geduld, Großzügigkeit und Einfachheit. Wenn ich die ernst nehme, dann bedeutet das 2026 für mich:
- Geduld mit mir, wenn mein altes Betriebssystem vom Schneckenmodus mal zurückrutscht.
- Großzügigkeit, wenn ich merke, dass ich mich selbst bei der Umsetzung der Theorie überfordere und mich nach Vollgas sehne.
- Einfachheit, wenn ich versuche, aus Schnecken im Lavendel wieder ein perfektes Schnecken-Imperium mit Regeln und To-Dos zu machen.
Vielleicht ist genau das ein Teil von „Einfach Slow“. Nicht nur langsamer gehen, langsamer schreiben, langsamer planen, sondern auch langsamer urteilen. Langsamer sein mit meinen inneren Urteilen. Mit den schnellen „Du müsstest doch längst…“-Sätzen.
Was würde Fräulein Antreiber mit Geduld tun?
Wenn Fräulein Antreiber auftaucht und mir wieder einen perfekten Plan hinlegt, dann werde ich sie nicht abstellen wie einen alten Rennwagen, der die geforderte Geschwindigkeit nicht mehr schafft. Ich will mit ihr zusammen lernen, was es heißt, wenn ihre Energie durch den Filter meiner neuen Werte läuft.
Was würde Fräulein Antreiber tun, wenn Geduld, Großzügigkeit und Einfachheit mit in der Boxencrew sind?
Ihre Klarheit, ihre Struktur, ihr Blick für Umsetzung dürfen bleiben. Nicht mehr schneller, besser und mehr. Sondern bewusster, körpernäher und einfacher.
In einem Tempo, das mein Körper mitmacht. In slow.

Mein Versprechen für 2026: Mehr Tina sein und im Tempo meines Körpers leben.
Von null Minuten draußen nach meinem Crash Ende Oktober 2025 auf sechsunddreißig Minuten heute. In der alten Formel-1-Logik ist das ein Witz. In der Logik einer Schnecke ist das ein weiter Weg.
Für eine Schnecke ist das Überqueren einer Straße eine Expedition, kein Spaziergang. Für mich ist es ähnlich. Jeder Millimeter, den ich mir in mein Leben zurückhole, ist eine leise Rückeroberung von Alltag und ein spürbarer Schritt hinein ins Leben.
Und das ist mein Versprechen für 2026.
Nicht, dass ich wieder auf der Überholspur der Rennbahn auftauche. Sondern dass ich mir erlaube, in meinem Tempo unterwegs zu sein. Dieses Tempo ist kein Scheitern. Es ist mein mutiger Weg zurück ins Leben mit ME/CFS.
Wenn ich morgens in meinem Bett wach werde, mit den bekannten Schmerzen, der Müdigkeit, den Gedanken an Vollgas und dem Reflex, mir die „richtigen Ziele“ zu stecken, dann darf ich mir sagen:
Ich muss nicht wissen, was heute alles kommt. Ich darf fühlen, was gerade da ist.
Eine Schnecke fragt nicht nach dem Ziel. Sie spürt den Boden.
Was bedeutet „mehr Tina sein“ wirklich?
Die Schnecke ist einfach eine Schnecke. Also werde ich mich darauf konzentrieren, mehr Tina zu sein. Nicht zu fragen, welchen gesundheitlichen Zustand ich bis zu einem bestimmten Datum erreicht haben muss. Sondern einfach zu spüren, was ich in diesem Moment brauche, damit es mir gut oder zumindest ein bisschen besser geht.
Und nein, ich weiß nicht, wer diese Tina ist. Die alte Vollgas-Tina ist durch die Krankheit gestorben. Aber die Masken, die Rollen, Fräulein Antreiber, die sind noch alle da und wollen weitermachen. Nur mein Körper spielt nicht mehr mit. Ich lebe im Zwischenraum. Die neue Tina kenne ich noch nicht.
Aber „mehr Tina sein“ bedeutet für mich nicht, ein Ziel zu erreichen. Es bedeutet, weniger Rolle zu spielen. Weniger Masken zu tragen. Weniger zu funktionieren. Und dann zu spüren: Was bleibt übrig, wenn ich nicht mehr die Erwartungen erfülle? Was ist da, wenn ich nicht mehr renne? Vielleicht ist „mehr Tina sein“ nicht die Antwort. Vielleicht ist es die Frage.
Der einzige Moment der zählt: Jetzt
Diese Frage kann ich noch nicht beantworten. Aber eines bleibt mir: Dieser Moment. Genau jetzt. Nicht gestern. Nicht morgen. Nur jetzt kann ich etwas gestalten.
Egal, welchen Referenzwert ich wähle, mein gesundes früheres Ich, andere Menschen, alte Leistungskennzahlen, am Ende sind das alles Vergleichsfolien, die sich mein Kopf baut. Ich kann mich in jedem Moment neu entscheiden, woran ich mich messen will. Am Referenzwert oder an meiner aktuellen Realität. Ich entscheide mich für das Jetzt.
Daher mein Reminder an mich, ganz ohne spirituelles Glorienscheinchen, eher wie ein strenger Blick von Berta:
Sei im Kontakt mit dem, was jetzt da ist und nimm es wahr! Triff nur die nächste kleine Entscheidung, die das Nervensystem jetzt mitmacht.
Mehr muss es nicht sein. Und genau das ist es, mehr Tina zu sein. Ich frage nicht nach dem Ziel und dem, was später sein soll. Ich spüre wie die Schnecke den Boden.
Jeden Tag neue Chancen
Und manchmal höre ich „Und immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens. Meine Lieblingsversion ist die von Klee aus „Hello Again“.
Egal wie dunkel es ist, am nächsten Tag geht die Sonne wieder auf. Eine neue Chance für ein bisschen mehr Energie. Weniger Schmerzen. Mehr Helligkeit und viel Jetzt. Und vielleicht irgendwann auch wieder für Sonnenaufgänge, die ich draußen erleben und fotografieren kann.
Bis dahin habe ich jeden Tag neue Chancen für „Einfach Slow. Weniger Strecke, mehr Tina sein.“
Bertas Erinnerung: Millimeter sieht man an einem Tag selten
Und jetzt, vier Wochen nach dem Jahreswechsel, liege ich immer noch hier. Ohne klassische SMART-Ziele für 2026. Ohne Excel-Tabellen mit Quartalszielen. Aber mit Berta neben mir. Mit ME/CFS-SMART und einem Espresso für Fräulein Antreiber in der Küche.
Und mit dem Wissen, dass die Schnecken im Lavendel mir etwas gezeigt haben, das ich jahrzehntelang vergessen hatte:
Ich muss nicht jede Runde schneller sein. Ich darf mehr Tina sein.
Berta sitzt da und hebt, sehr langsam, ein Fühlerchen und sagt: „Du bist schon auf dem Weg. Millimeter für Millimeter. Und Millimeter sieht man an einem einzigen Tag selten.“
Weniger Strecke, mehr Tina sein. Jeden Tag Schneckentempo und trotzdem unterwegs. 🐌

Und du? Wie heißt dein innerer Antreiber?
Hast du auch so eine innere Stimme, die dir sagt, du müsstest schneller sein, mehr schaffen, endlich wieder funktionieren?
Wie heißt dein innerer Antreiber und was flüstert er dir über deine Ziele für 2026?
Schreib es mir in die Kommentare. Ich bin gespannt, ob Fräulein Antreiber Geschwister hat.
**P.S.** Dieser Blogartikel wurde im Schneckentempo geschrieben. Wochen, Pausen, ein Crash. Fräulein Antreiber fand das ineffizient. Berta schickte sie in die Küche zu einem Espresso und nickte mir zu. Jetzt ist er da.