08.17 Uhr. Weltfrauentag.
Ich will keine Blumen. Nicht heute.
Nicht, weil ich undankbar bin. Sondern weil mein Körper längst entschieden hat, wie groß mein Radius heute ist. Kein Blumenstrauß ändert das. Kein Herzchen-Post. Kein Motto.
Ich liege im Bett. Das Licht ist zu hell. Die Geräusche zu nah. Meine Muskeln schmerzen beim Hochkommen. Und mein Körper reagiert, als hätte ich nachts einen Umzug gemacht. Allein.
Kein Drama für Außenstehende. Von außen sieht das nach ein bisschen müde aus. Von innen blinken die Warnleuchten, obwohl mein Rennwagen immer noch ruhig in der Werkstatt steht.
Früher hätte ich diesen Morgen überfahren. Espresso, Zähne zusammenbeißen, rein in den Kalender. Ich war gut darin, zu funktionieren. Ich war die Frau, die Termine hält, Projekte zieht, Dinge möglich macht. Die, die „nur noch schnell“ sagt und dann noch drei Stunden funktioniert. Mein Leben war ein Kalender mit vielen bunten Kästchen. Quartale. Ziele. Haken dran.
Heute ist nicht mehr der Kalender das Problem. Heute ist mein Körper der Kalender. Und genau hier beginnt mein eigentlicher Weltfrauentag. Nicht bei Blumen. Sondern bei der Frage: Welche Rechte habe ich, wenn ich nicht mehr funktioniere?
Ich lebe mit ME/CFS und Long Covid und an diesem Weltfrauentag spüre ich deutlicher denn je, wie eng „Frau sein“ und „funktionieren“ in meinem Leben verknotet waren. Zuverlässig sein, nützlich sein, belastbar sein, nicht zu kompliziert sein, nicht zur Last fallen. Diese Regeln wurden mir beigebracht. Über Jahrzehnte. Still und gründlich.
Die chronische Erschöpfung nimmt mir die Möglichkeit, diese Regeln weiter zu bedienen. Nicht als Lektion. Nicht als romantische Transformation. Einfach als harte Grenze.
Und genau deswegen schreibe ich am Weltfrauentag. Nicht, weil ich Herzchen will. Sondern weil dieser Tag offiziell von Rechten spricht. Dieser Text ist mein Werkstattbericht über sieben stille Rechte, die ich mir als Frau mit ME/CFS zurückhole, seit mein Körper nicht mehr mitspielt. Und über eine leise, aber klare Haltung: Wert ist nicht das Ergebnis von Produktivität.
Wenn du heute auch eher im Körper-Format lebst als im Poster-Format: Komm mit und hole dir ein Recht zurück.
Rechte, Gerechtigkeit, Handeln und was das in meinem Schlafzimmer bedeutet
UN Women rahmt den Weltfrauentag 2026 mit dem Dreiklang Rechte, Gerechtigkeit, Handeln. Für alle Frauen und Mädchen.
Große Worte. Klingt nach Bühne. Nach Plakat. Nach Lautstärke.

Für mich klingt das zunächst zu groß für mein Bett. Mein Leben ist gerade das Gegenteil davon. Es ist leise. Gedimmt. In Millimetern.
Aber dann passiert etwas, wenn ich diese drei Worte nicht als Weltpolitik lese, sondern als Körperrealität. Dieser Dreiklang wird für mich in meinem Alltag konkreter.
Rechte heißt: Ich darf Grenzen haben, ohne mich zu schämen.
Gerechtigkeit heißt: Ich werde nicht moralisch bewertet, wenn mein Körper mich ausbremst.
Handeln heißt: Ich baue mein Leben mit ME/CFS so um, dass es mich nicht weiter zerstört: Plan B, Plan C, Plan D bis Plan Z.
Nicht als Optimierungsprojekt. Als Selbstschutz. Als Leben ohne Schuldgefühle.
Und doch bleibt bei all diesen großen Worten eine Frage übrig, die ich mir im Schlafzimmer immer wieder stelle: Was sind Rechte, Gerechtigkeit, Handeln wert, wenn der eigene Körper aus dem System fällt? Wenn du plötzlich nicht mehr die bist, die funktioniert, organisiert, trägt, sondern die, um die sich gekümmert werden muss.
Genau an diesem Bruch beginnt gedanklich mein persönlicher Weltfrauentag. Dort, wo mir ME/CFS mein altes Leben genommen hat und mir gleichzeitig gezeigt hat, wie fragil das Leben wird, sobald funktionieren nicht mehr möglich ist.
Ein Wort noch zur Statistik, die ich im Kontext des Weltfrauentages nicht unerwähnt lassen möchte. In vielen Erhebungen sind Frauen unter den ME/CFS-Betroffenen häufiger vertreten. Warum das so ist, ist nicht abschließend geklärt. Es spielen wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammen.
Was ich hier beschreibe, ist nicht „die“ Ursache von ME/CFS, sondern eine Beobachtung aus meinem Leben. Wie tief ich gelernt habe zu funktionieren, Grenzen zu ignorieren, Bedürfnisse anderer vor die eigenen zu stellen, Erschöpfung wegzuschieben und stark zu sein. Irgendwann macht ständiges Vollgas etwas mit dem Nervensystem. Mit dem Körper. Mit der Seele. Ich schreibe das nicht als Anklage. Sondern weil ich es an mir selbst kenne. Dauerfunktionieren bleibt nicht nur kulturell, sondern wirkt biologisch.
ME/CFS betrifft alle Geschlechter. Das ist mir wichtig. Und trotzdem ist der Weltfrauentag für mich eine passende Linse, weil „Frau sein“ oft still verknüpft ist mit tragen, halten, funktionieren und nicht zur Last fallen.
Krankheit baut diese Rolle nicht höflich um, sondern stoppt sie abrupt. Ohne Kündigungsfrist.
Das ist der Punkt, an dem ich dieses Thema nicht mehr als Privatsache sehe. Wenn ein Körper nicht mehr funktioniert, wird sichtbar, wie viele Rollen auf Funktionieren gebaut sind.
Und wie schnell der eigene Wert verhandelbar wird, wenn Leistung wegfällt.
Und genau deshalb sind diese Zeilen für mich ein Blogartikel zum Weltfrauentag. Nicht trotz meiner Krankheit. Wegen ihr.
Es sind sieben stille Rechte entstanden, die mir ME/CFS beigebracht hat. Und Spoiler: Nicht nur als Motto für den Weltfrauentag. Für jeden Tag im Jahr.
Sieben stille Rechte, die ME/CFS mir beigebracht hat
Diese sieben Rechte sind keine großen Parolen. Sie sind leise. Ich schreibe sie nicht, weil ich sie perfekt lebe. Ich schreibe sie, weil ich sie brauche. Als Wegweiser. Als Gegengewicht zu Fräulein Antreiber, die immer noch so tut, als gäbe es nur zwei Modi: Vollgas oder Versagen.
Ein dritter Modus existiert. Ich nenne ihn Werkstatt. Einfach SLOW.

Recht 1: Langsam sein – warum Schneckentempo für mich eine Revolte ist
Langsam sein klingt harmlos. Fast nach Wellness.
In Wahrheit ist es eine Revolte.
Denn langsam ist in unserer Welt nicht neutral. Langsam wirkt verdächtig. Unprofessionell. Langsam ist unproduktiv und erscheint wie ein Fehler, den man korrigieren muss. Langsam ist etwas, das man sich „mal gönnt“, wenn alles erledigt ist. Also nie.
Beim Nachdenken zum Weltfrauentag ist mir aufgefallen, wie lange ich geglaubt habe, ich müsse mir Langsamkeit verdienen. Als Frau. Als Mensch. Als die, die zuverlässig ist und alles im Griff hat. Als die, die Dinge hält.
ME/CFS hat dieses Spiel beendet. Nicht aus Pädagogik. Aus Notwendigkeit.
ME/CFS macht Langsamkeit oft zur einzigen ehrlichen Option. Mein Rennwagen hat ein neues Betriebssystem. SLOW. 10 km/h. Manchmal weniger. Und wenn ich versuche, schneller zu sein, zahlt mein System.
Nicht als Schwäche. Als Konsequenz. Biologisch. Mit Crash. Mit Schmerz. Mit Brainfog. Mit diesem dumpfen „zu viel“, das sich durch alles in mir zieht.
Langsam sein heißt dann, dass ich meinen Körper ernst nehme. Auch wenn mein Kopf noch schnelle Sätze denkt. Ich stehe nicht auf, um zu beweisen, dass ich noch kann. Ich bleibe liegen, weil ich nicht mehr bereit bin, Gesundheit gegen Anerkennung zu tauschen.
Berta, meine kleine cremeweiße Porzellanschnecke, sitzt schon seit dem Slowvember bei mir. Sie hebt still ein Fühlerchen, wenn Fräulein Antreiber wieder die Stoppuhr zückt. Sie erinnert mich: Schneckentempo ist kein Fehler im System. Es ist mein neues System.

Aber SLOW ist oft kein Tempo. SLOW ist Disziplin gegen den Reflex, mich zu überfahren. SLOW umzusetzen ist, als würde ich mit angezogener Handbremse leben und alle nennen es Ruhe. Und ja, es kostet Kraft.
Mein Nervensystem hat über Jahre gelernt:
- Tun = sicher.
- Stillstand = riskant.
Wenn ich jetzt langsam bin, fühlt sich das oft nicht wie Entspannung an, sondern nach purem Kontrollverlust. Wie wenn eine Schnecke mit den 10 km/h auf die Autobahn gerät. Um sie herum rauscht, blinkt, drängelt, überholt alles und sie soll entspannt Millimeter für Millimeter ihr Bewegungstraining machen.
Und genau deshalb ist Langsamkeit für mich kein Wellness-Begriff, sondern Umlernen.
Kante heißt:
Ich tue nicht mehr so, als wäre Tempo ein Charakterbeweis. Langsam ist kein hübsches Wort.
Mein Schneckentempo ist nur die sichtbare Form davon, dass mein Körper gerade Grenzen hat.
Langsam ist mein Recht.

Recht 2: Nein sagen – ohne Begründung, ohne Fußnote
„Ich kann heute nicht.“ ist ein ganzer Satz. Er ist nicht der Anfang einer Verhandlung.
Das klingt simpel, ist es aber nicht, wenn du jahrelang gelernt hast, dass dein Nein eine Fußnote braucht. Eine Entschuldigung. Eine Begründung. Einen Ersatztermin. Einen Beweis, dass du dich trotzdem bemühst.
Mit ME/CFS wird jede Begründung schnell zu viel. Nicht, weil ich keine Worte hätte. Sondern weil Worte Energie kosten. Und weil dieses Erklären mich zurück in die alte Rolle zieht. Rechtfertigen. Überzeugen. Darlegen. Als wäre Krankheit eine These, die ich verteidigen muss.
Manchmal kommt mein Nein zu spät. Nach zu vielen Jas. Nach zu viel „Ich schaffe das schon irgendwie“. Aber ich übe, es stehen zu lassen.
Nicht, weil ich plötzlich abgeklärt bin. Aus Notwendigkeit. Weil mein Nervensystem keine Energie mehr für die alte Rolle hat. Die, die es allen recht macht, funktioniert nicht mehr.
Kante heißt:
Ich schulde niemandem meine Grenzen hübsch verpackt. Ich schulde niemandem eine Erklärung. Mein Nein ist nicht abhängig davon, ob es jemand nachvollziehen kann.
Mein Nein ist nicht unhöflich. Es ist Nervensystemhygiene.
Recht 3: Hilfe annehmen – und meinen Stolz ein Stück leiser drehen
Hilfe annehmen war für mich lange ein unsichtbarer Makel. Als wäre es ein Beweis, dass ich es nicht im Griff habe. Dass ich nicht stark genug bin. Nicht organisiert genug. Nicht erwachsen genug. Als wäre Selbstständigkeit ein Charakterbeweis.
ME/CFS macht Hilfe zur Strukturfrage. Ohne Hilfe geht es nicht. Punkt.
Und trotzdem meldet sich beim Gedanken an Hilfe sofort diese alte Stimme. Fräulein Antreiber, geschniegelt, streng, nutzt ihre Trillerpfeife mit diesem durchdringenden schrillen Ton und ruft ganz laut:
- „Reiß dich zusammen.“
- „Willst du als kompliziert gelten?“
- „Du willst doch nicht zur Last fallen.“
- „Mach es halt irgendwie.“
Ich kenne diese Stimme. Sie klingt manchmal wie Disziplin. In Wahrheit ist sie oft Angst: Wenn ich Hilfe brauche, bin ich nicht mehr die Version von mir, die ich jahrelang für „richtig“ gehalten habe.
Das ist nicht nur mein Privatproblem. Das ist ein kultureller Reflex. Frauen werden oft darauf trainiert, die Bedürfnisse anderer zu spüren, bevor sie die eigenen aussprechen. Wenn du dann plötzlich selbst Hilfe brauchst, fühlt es sich an, als würdest du gegen deine eigene Prägung verstoßen.
Heute lerne ich, Hilfe anders zu sehen: Hilfe ist keine Schwäche. Hilfe ist Infrastruktur.
Eine Partnerschaft. Familie. Freundschaften. Netzwerk. Das sind nicht nur Liebe und Gefühle. Das sind Systeme, die tragen oder eben nicht. Das ist Logistik. Und Logistik ist politisch, weil sie entscheidet, wer durchkommt.
Kante heißt:
Ich entscheide mich für Stabilität statt für Stolz. Ich tue nicht mehr so, als wäre „alles alleine schaffen“ gleichbedeutend mit Selbstständigkeit.
Selbstständig zu sein ist auch achtsam sein und sagen dürfen, was ich brauche. Und glauben zu dürfen, dass ich es wert bin, dass jemand es mitträgt.
Recht 4: Plan C bis Z – Möglichkeitsintelligenz statt Scheitern
Plan C und alle Pläne danach, klingen nach Trostpreis. Nach: „Na gut, dann eben so.“
Für mich ist Plan C inzwischen etwas anderes. Ein Beweis, dass ich mich ernst nehme und oft der einzige Plan, der mich nicht ruiniert.
Plan A ist oft die alte Welt. Die Welt, in der mein Körper terminfähig ist. In der ich ohne Preis durch den Tag laufen kann. In der der Rennwagen einfach fährt, weil er fährt.
Plan B ist die Welt, in der ich versuche zu kompensieren. Noch ein Trick. Noch eine Abkürzung. Noch ein Versuch. Noch ein bisschen Zähne zusammen.
Plan C ist der Moment, in dem ich aufhöre zu bluffen.
Plan C sagt: Das ist der Zustand. Das ist die Energie. Das ist die Reizgrenze. Das ist die Realität. Und aus dieser Realität heraus baue ich Wege. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Fähigkeit. Ich nenne sie Möglichkeitsintelligenz.
Plan C ist zum Beispiel: Rollstuhlservice am Flughafen statt „Ich schaffe das schon“. Zwischenschlaf bei der Physiotherapie statt Tapferkeit. Eine Absage, bevor mein Körper die Rechnung einen Tag später präsentiert. Wenn Plan C mich stabil hält, dann ist Plan C nicht „weniger“. Dann ist Plan C klüger. Plan C ist kein Rückzug. Plan C ist Versorgung. Und manchmal ist es Plan M, der funktioniert.
Kante heißt hier:
Ich bewerte mich nicht mehr danach, ob ich Plan A schaffe. Ich bewerte mich danach, ob ich mich dabei zerstöre.
Recht 5: Wert ohne Produktivität – die unbequemste Frage meines Lebens
Das ist der härteste Teil. Weil er nicht nach außen hart ist, sondern nach innen.
Produktivität ist ein schlichtes Wort für etwas, das bei mir zur Identität geworden ist: Ich bin okay, wenn ich etwas leiste. Ich bin liebenswert, wenn ich nützlich bin. Ich gehöre dazu, wenn ich funktioniere.
Produktivität war für mich lange eine Währung. Ich habe es gelebt.
ME/CFS hat mir diese Währung genommen. Nicht komplett bei allen Dingen. Aber radikal genug, um mich an eine Stelle zu bringen, an der ich nicht mehr beweisen kann, dass ich wertvoll bin. Die Krankheit wirft mich in einen inneren Entzug. Plötzlich kann ich mich nicht mehr „hochziehen“, indem ich etwas erledige. Ich kann nicht mehr beweisen, dass ich gut bin, indem ich durchziehe. Ich liege. Ich ruhe. Ich warte. Ich sage ab.
Und plötzlich steht da diese nackte Frage, die früher mit To-dos zugespachtelt war: Wer bin ich, wenn ich nichts abliefere?
An Tagen, an denen ich nur liege, spüre ich, wie mein altes System meinen Wert mindern möchte. Als wäre ich weniger „ich“, nur weil nichts sichtbar passiert.
Wenn ich meinen Wert an Produktivität knüpfe, dann ist jeder schlechte Tag automatisch auch ein schlechter-Mensch-Tag. Und das ist Gift für ein Nervensystem, das ohnehin im Alarm läuft.
Also übe ich zu bleiben.
Ich lasse mich nicht mehr von Fräulein Antreiber und ihrer hohen Glas-zerbrechenden Stimme innerlich kapern, die immer wieder sagt: „Heute ging ja gar nichts. Du bist ein kleiner Nichtsnutz.“ Nein. Das ist kein Kompass. Das ist ein Fehlalarm. Und ja, das ist keine Erkenntnis, die ich nur einmal habe. Das muss ich üben. Das ist eine Praxis. Jeden Tag. Immer wieder.
Kante heißt:
Ich verhandle meinen Wert nicht mehr mit dem Kalender.
Wert ist nicht das Ergebnis meines Tages. Wert ist die Tatsache, dass ich da bin. Auch im Liegen. Auch ohne Haken dran.
Recht 6: Krank sein – auch wenn man es mir nicht ansieht
Es gibt Tage, da scheitere ich an den kleinsten Alltagsbewegungen. Und trotzdem sieht man mir davon manchmal nichts an. Kein Gips, kein Verband, kein offensichtliches Kranksein.
ME/CFS ist unsichtbar. Das ist nicht nur ein medizinisches Detail. Das ist ein sozialer Mechanismus. Unsichtbar heißt: Du wirst schneller in Verdacht genommen. Du wirst schneller psychologisiert. Du wirst schneller geprüft. Nicht medizinisch, sondern moralisch.
Das ist das Perfide an unsichtbaren Erkrankungen. Du musst nicht nur mit Symptomen umgehen, du musst auch mit Blicken umgehen. Den eigenen und denen anderer:
- „Vielleicht übertreibst du.“
- „Du siehst doch gut aus.“
- „Du brauchst nur mehr Disziplin.“
- „So schlimm kann es nicht sein.“
- „Du warst doch gestern noch draußen.“
- „Das wird schon, wenn du dich zusammenreißt.“
Diese Sätze sind keine Kleinigkeiten. Sie sind Reize. Und sie machen etwas, was viele unterschätzen: Sie halten ein Nervensystem im Alarm, weil du dich plötzlich nicht mehr nur mit Symptomen beschäftigst, sondern mit der Frage, ob du glaubwürdig bist.
Ich kenne das sehr gut von mir. An manchen Tagen kostet mich nicht nur die Krankheit Energie, sondern auch der Impuls, mich zu rechtfertigen. Eine Erklärung zu liefern, die endlich anerkannt wird. Ein Beweisstück zu bringen, damit Ruhe und Schlafen erlaubt sind.
Wenn Krankheit unsichtbar ist, wird Würde schnell verhandelbar. Dann hängt dein Wert plötzlich wieder daran, ob du „trotzdem“ noch etwas schaffst.
ME/CFS macht daraus eine Endlosschleife. Je mehr du dich erklärst, desto mehr Energie geht weg. Je mehr Energie weg ist, desto weniger kannst du. Je weniger du kannst, desto mehr wird dir unterstellt, du würdest „nicht wollen“. Und du stehst wieder am Anfang.
Viele Frauen mit ME/CFS berichten von langen Diagnosewegen und schnellen Psychoschubladen. Wenn Symptome bei Frauen schneller psychologisiert werden als bei Männern, ist das kein individuelles Pech. Das ist ein Systemproblem. Und das ist der Punkt, an dem dieser Text leise politisch wird.
Kante heißt:
Ich beweise mich nicht mehr. Ich mache mich nicht mehr zum Anwalt meiner Symptome und nehme mich aus den Verhandlungen raus.
Ich entscheide nach Zustand, nicht nach Erwartung. Punkt. Und wenn jemand das nicht versteht, ist das traurig. Aber ME/CFS zwingt mich dazu. Nicht heroisch. Nicht immer gelassen. Aber immer klarer.
Recht 7: Eine neue Rolle erfinden – mehr Tina im kleineren Radius
Ich höre ihn manchmal noch. Diesen Sound vom Formel-1-Rennzirkus. Das Quietschen der Reifen. Das kurze Aufheulen, wenn der Motor hochzieht. Adrenalin. Boxengasse. „Los jetzt.“
Ganz ehrlich? Ein Teil von mir will immer noch zurück. Zurück auf die Rennbahn.
Zur alten Geschwindigkeit. Zur alten Rolle. Zu dieser Version von mir, die „alles schafft“. Zur Frau, die funktioniert und dabei so tut, als wäre es selbstverständlich. Ich kenne diese Sehnsucht. Sie ist warm und gefährlich zugleich.
ME/CFS macht diese Rückkehrfantasie teuer. Sehr teuer.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht nur um Symptome geht. Es geht um Identität. Um Rolle. Um das Betriebssystem, nach dem du bisher gelebt hast.
Meine alte Rolle war eine Mischung aus organisieren, halten, liefern. Ich war gut darin. Und ich habe Applaus dafür bekommen. Manchmal laut, manchmal still. Aber zuverlässig genug, dass mein Nervensystem diese Rolle mit Sicherheit verwechselt hat. Mit Anerkennung, Zugehörigkeit, mit dem Gefühl, „richtig“ zu sein.
Wenn diese Rolle wegbricht, entsteht erst mal ein Loch. Wie ein Swimmingpool im Wohnzimmer. Plötzlich ist da Tiefe, wo vorher der hübsche helle Parket-Fußboden war.
Und in diesem Loch stehen Fragen, die am Weltfrauentag plötzlich politisch werden, obwohl sie privat wirken:
- Darf ich eine Frau sein, ohne zu funktionieren?
- Darf ich weich sein, ohne schwach zu sein?
- Darf ich Grenzen haben, ohne mich zu schämen?
- Darf ich Hilfe brauchen, ohne meinen Wert zu verlieren?
Ich nenne das inzwischen nicht mehr „Rückschritt“. Ich nenne es Rollenarbeit. Und Rollenarbeit ist nicht romantisch. Sie ist unbequem. Sie ist Trauer, Wut und Scham zugleich. Und das erschöpfte Gefühl: Ich kann nicht mehr so tun als ob.
Und dann ist da etwas anderes. Die Chance, etwas Neues zu schreiben. Nicht die neue perfekte Version. Sondern mehr Tina zu sein. In dem Radius, den mein Körper heute erlaubt.
Meine Schnecken-Metapher ist nicht das Gegenteil meines Rennwagens. Sie ist seine Gegenwart. Mein Porzellan-Schnecke Berta ist nicht das Symbol für Aufgeben. Berta ist das Symbol dafür, dass ich mich nicht mehr selbst verlasse.
Kante heißt:
Ich mache aus der Krankheit kein Heldinnenmärchen. Aber ich nehme mir das Recht, meine Rolle neu zu definieren, statt an einer Konvention festzuhalten, die mich innerlich frisst.
Und wenn ich am Weltfrauentag überhaupt etwas „feiere“, dann das: Dass ich nicht mehr zurückmuss, um wertvoll zu sein.
Und du?
Vielleicht ist das der ehrlichste Weltfrauentag-Moment überhaupt. Nicht das, was wir heute posten. Sondern das, was wir uns endlich erlauben.
Wenn du mit ME/CFS, Long Covid oder chronischer Erschöpfung lebst, kennst du diese innere Gerichtsverhandlung. Jeden Tag. War das jetzt wirklich nötig? War das jetzt zu viel? Darf ich so müde sein? Darf ich so langsam sein? Darf ich schon wieder absagen?
Und selbst wenn du nicht krank bist. Viele Frauen kennen die gleiche Logik, nur mit anderer Maske. Funktionieren. Halten. Organisieren. Nicht zur Last fallen. Weiterlaufen, auch wenn innen längst alles flackert.
ME/CFS macht diese Regeln sichtbar, weil der Körper irgendwann nicht mehr mitspielt. Dann gibt es keine Ausrede mehr. Keine „Ich reiß mich zusammen“-Abkürzung. Keine Dopamindusche als Pflaster. Nur Realität.
Und genau deshalb ist der Weltfrauentag für mich in diesem Jahr ein Rechte-Tag. „Rechte. Gerechtigkeit. Handeln. Für ALLE Frauen und Mädchen.“ So wie es von UN Women formuliert wurde. Nicht im Poster-Format. Im Körper-Format.
Magst du dir heute ein paar Minuten nehmen? Nicht um „besser“ zu werden. Sondern um ehrlicher zu sein.
- Wo unterschreibst du noch Verträge mit dem Kalender, die dein Körper nicht unterschreiben kann?
- Welche Grenze würdest du setzen, wenn du dich nicht erklären müsstest?
- Welches stille Recht willst du dir heute zurückholen?
Wenn du magst, schreib mir eins davon in die Kommentare. Ein Satz reicht. Wirklich.
Mein Weltfrauentag endet nicht mit Blumen, sondern mit einer Entscheidung
Ich habe einen Rennwagen in mir. Ich mag ihn. Ich mag seine Ideen und seinen Hunger nach Geschwindigkeit.
Und ich habe eine Schnecke in mir. Sie ist nicht weniger Tina. Sie ist Tina in der aktuellen Realität. Berta ist mein Symbol dafür, dass ich nicht mehr so tue, als wäre Vollgas eine Tugend.
Sie erinnert mich daran: Ich darf Tempo verlieren, ohne Würde zu verlieren.
Fräulein Antreiber lernt gerade den dritten Modus. Widerwillig. Aber sie lernt:
Werkstatt. Einfach Slow.
Werkstatt heißt:
- Ich nehme wahr, was jetzt wahr ist.
- Ich höre auf, mich an der alten Rolle zu messen.
- Ich fahre Plan C, ohne mich dafür zu schämen.
- Ich bleibe sichtbar, auch wenn ich langsam bin.
Und das ist für mich der Punkt, an dem dieser Text gesellschaftlich wird, ohne laut zu sein: Wenn der Wert von Frauen daran hängt, wie gut sie funktionieren, dann ist ein Körper, der nicht mehr funktioniert, plötzlich zu viel. Ich mache da nicht mehr mit.
Am Weltfrauentag. Und alle Tage danach. Ich gehe in Verbindung mit meinem Nervensystem. Ich höre auf, mich in ein Leben zurückzuverhandeln, das mich krank gemacht hat. Ich übe Rechte im Kleinen. Jeden Tag. Nicht glamourös. Aber echt.
Und wenn du heute zum Weltfrauentag gerne einen wunderschönen Blumenstrauß haben möchtest, dann nimm ihn. Wirklich.
Ein üppiger Strauß nur für dich. Frühling in der Hand.
Und wenn an diesem Strauß eine cremefarbene Klappkarte aus dickem Büttenpapier hängt, die beim Öffnen leise knackt, dann wünsche ich mir genau diesen Satz darauf:
Du bist nicht weniger Frau, nicht weniger Mensch, nicht weniger wert, weil dein Körper langsam ist.

Rechte. Gerechtigkeit. Handeln. Dir alles Liebe für JEDEN Tag.
Und? Hast du dir schon überlegt, welches stille Recht du dir heute zurückholen willst?
Ein Kommentar